July 7, 2016

Nullzins – Zero Interest Rate.

Zur Nullzins-Kultur und dem kommenden Krieg. (Wallpaper in collaboration with METAHAVEN)

Teil 1:  JETZT

 

24 Tabs offen auf Deinem Browser,drei Chatkanäle, Kopfhörer im Ohr, was essen. Mail verfassen und gleichzeitigUrlaubsbilder posten. Facebook im Gehen. Ständig am Arbeiten und doch zu nichtskommen. Mit dem Smartphone auf der Party. Kaltes Licht im Gesicht. ZeroInterest. Das ist Nullzins.

 

Von Liechtenstein über Brüssel bisTokio. Die Herrscher des Geldes, in ihren Festungen der Vernunft, an denRockzipfeln die verängstigten Regierungen, haben es offiziell beschlossen. DieZentralbanken haben die Zinsen gesenkt auf Null, oder sogar leicht darunter.

 

Nullzins, das ist eine neue Welt.

 

Solange es den Kapitalismus gibt,wurde Geld von alleine mehr. Kapital, Kapitalzinsen und Zinseszins. DassSchulden anstiegen, nur wegen des Zinses – das ist, was das Kapital für vielezum Gespenst machte: Es bewegte sich von alleine.

Gläubigern verlieh der Zins die Kraftund Schuldner trieb er vor sich her.

 

Nullzins lässt daher die Gegner desKapitalismus jubeln. Das ist krasser als ein paar leere Regale im Supermarkt inVenezuela. Nur hat das ausserhalb der Finanzwelt noch niemand verstanden.

 

Der Zins steckt in allem, was ist imKapitalismus, weil der Wirtschaftskreislauf auf Geld beruht, und das wurdestets verzinst. Jede Unternehmensgründung, jedes Produkt musste mehr abwerfen,als es Zins gibt. Sonst könnte ein Geldgeber, anstatt zu investieren, sein Geldauf die Bank bringen und dort Zinsen kassieren. Wenn es keinen Zins gibt, dannfahren wir heute in den Urlaub statt zur Bank. Die Welt bewegt sich so schnellwie der Zins es will.

 

Zinsen gibt es erst im Morgen. Jehöher der Zins, desto mehr lohnt es sich, auf das Morgen zu warten. Bessermorgen als heute.

Zinsen messen den Wert der Zukunft.

Zinsen sind das Auge, mit dem dasKapital in die Zukunft schaut.

 

Das Weizenkorn heute noch nicht zuessen und dafür morgen die Ernte einzufahren – das ist der Beginn unsererZivilisation. Der Anthropologe David Graeber hat beschrieben, wie Schuldenunsere Zivilisation schufen. Doch ohne Zinsen gäbe es keine Schulden, denn Geldverleiht nur der, der dafür etwas bekommt: Zinsen. Vielleicht war es das, wasuns zurückhielt, jetzt sofort all das zu tun, was uns gerade in den Sinn kommt.Was uns Gesetze, Staaten und Beziehungen aufbauen liess.

 

Welches System, welche Macht auchregierte: Es ging immer um die Verwaltung der Zukunft. So entstand die Welt, inder wir leben.

 

2007 aber ist die Zukunft implodiert.Als all die Papiere, die damals hin und her verkauft worden waren, PDFs vollmit Sätzen, die bessere Zukünfte versprachen, lange Verträge, die immer mehrKapital aufsaugten wie Schwämme, als ihr Wert unermesslich wurde, da wurde ihrGehalt plötzlich unklar. Glas halbvoll oder halbleer? Niemand wusste es mehr.Der Wert zerfiel.

 

Wohin man auch blickte, der Zweifelpulverisierte jede Zukunft. So kam es zur Finanzkrise. Die wurde zumpermanenten Ausnahmezustand.

 

Irgendwann wussten dieWirtschaftsministerien nicht mehr was tun und riefen nach dem Retter in derNot. Den Letzten, die noch etwas tun konnten: Zentralbanken. Jene, die das Gelddrucken und die Zinsen bestimmen: die Hüter der Marktwirtschaft. Dieanalysierten die Lage – und entschieden auf Nullzins. Erst in den USA und nunin Europa.

 

Wenn heute eine Bank bei derEuropäischen Zentralbank – einer Bank für Banken – Geld auf ihrem Kontohinterlegt  – bekommt sie nichts dafür.In Japan, Dänemark, Schweden oder der Schweiz sogar weniger als Nichts.

 

Die Mehrheit der Weltwirtschaft, 60Prozent der Wirtschaftsleistung, schwebt heute im Nullzinsbereich zwischen -1und 1 Prozent. Das ist realer Nullzins.

 

Es bringt der Bank keinen Gewinnmehr, Geld zu haben. Daher bekommen wir für unser Sparkonto 0,1 Prozent, minusGebühren. Das Geld, das der Vater für sein Kind anlegt, das er sich vom Mundabspart – am Ende des Jahres hat es nichts gebracht. Das ist Nullzins.

 

Die Zukunft ist nichts mehr wert.

Je niedriger der Zins, desto wenigerlohnt es sich aufs Morgen zu warten.

 

Nullzins ist auch kein Negativ-Zins.Kein radikaler Verfall des Vorhandenen, kein Zeichen dafür, dass dieVergangenheit besser war als das Jetzt. Mit dem Nullzins beginnt das Jetzt erstrichtig. Wir haben uns darin eingerichtet, dort, wo der Nullzins regiert. Ob inder EU, der Schweiz, Japan und mehr oder minder auch in den USA. Es ist einPhänomen jener Gesellschaften, die lange genug gut vom Geld gelebt haben. Hierwerden jetzt Zukunft und Vergangenheit beschworen, gleichzeitig. Post-Moderne,Post-Kommunismus, Post-Punk, Post-Kapitalismus, Post-Utopia, alles fühlt sichvorbei an, das Morgen ist sichtbar, aber tritt nie ein.

 

2007 begann auch der Direktanschlussdes Menschen ans Netz, verkündete Steve Jobs die Epoche des Smartphones. Es warder Beginn unserer konstanten Verknüpfung. Durch die technologische Vernetzungsind Ereignisse, Fragen, Antworten sofort bei uns. Wir sind hyperpräsent. Heuteherrscht Youtube-Realität, ein Ineinanderfallen von Zukunft und Vergangenheit,Ernst und Spiel.

 

Rihanna tanzt, während Hitler denKrieg erklärt; Nasheed besingen den Djihad, während TedTalker strahlend voneiner leuchtenden Zukunft berichten. Alles ist erhältlich. Die ultimativeGleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Wir haben kein Leitmedium, sondernSpeichermedien. In der Nullzins-Kultur staut sich die Zeit.

Die Null ist zum Ideal geworden.

 

In Deutschland, Europas grossemKernstaat, hat die Politik die schwarze Null, die Freiheit von der Veränderungder Schuld, zum Hauptziel erklärt, für das man bereit ist, alles andere zuopfern. In der Schweiz stimmt mehr als ein Drittel für eine Initiative, die vondem kleinen Land aus das Wachstum der Weltbevölkerung auf Null stellen will.Ökonomen predigen das Nullwachstum.

 

Wir kommen im Jetzt an. Es gibt soviel Jetzt, dass wir die Verwaltung der Gegenwart automatisieren. Es istGoogle-Now-Zeit. Realtime: Unsere Uhren sind zu Trackern unserer Selbstgeworden. Zählen jeden Schritt.

Wichtiger, als zu wissen, wann wirsind, ist, dass wir sind.

 

Europas Mitte kauft sich Apps um dieGegenwart zu spüren, übt sich in der Achtsamkeit, will Mindfulness erlangen.Ausatmen, einatmen. Leben im Jetzt. Besser Heute als Morgen. Day by Day. Minutefür Minute. Mit jedem Atemzug. Ökonomische Kurzfristigkeit wird spirituellesPrinzip.

 

Das Gegenteil von Nachhaltigkeit istder Fall. Nullzins, das ist der Geniesse-den-Moment-Zins. Das istSlackline-balancieren im Park. Lieber Fitness-Studio als Rentenkasse zahlen;YOLO genauso wie die Fixierung aufs absolut reale Essen, wie es im RestaurantNoma im Nullzinsstaat Dänemark gepredigt wird.

 

Wir sind ultralokal weil wir ultra-globalsind. Daher der Boom von New Age Musik: I am the Center. Daher vielleicht auchdie Japanliebe in Europas Kulturkreisen. Dort gibt es schon seit JahrzehntenNullzinskultur.

 

Gleichzeitig platzen die Sammlungender Museen, immer mehr wird angekauft. Eine archivarische Bewegung hat sichherausgebildet, finanziert von Eliten. „Wir sind eine Kultur von Verwalterngeworden“, erklärt der Science-Fiction Interstellar von 2014 und spricht überunsere Gegenwart.

 

Die Gleichzeitigkeit desUngleichzeitigen ist überall sichtbar. Bio-Superfoods, importiert aus denletzten Winkeln dieser Erde, Nike kombiniert Huarache Sneakers aus den 1990ernmit aktuellen Modellen, dazu kann man Vollbart tragen oder auch nicht.

 

Es ist eine Mixed-Reality – und daranarbeiten auch die Forschungsabteilungen der Technologiekonzerne: diepersonalisierte virtuelle Erweiterung des Bestehenden. Jedem sein Headspaceplus alles, was ist – seamless und störungsfrei für die Anderen.

 

Denn es ist nicht so, dass man impostmodernen Everything-Goes-Utopia angekommen wäre.

 

Alles ist ineinandergerauscht, obwohles zusammen nicht funktioniert. Wir müssen es trennen. Diese Welt ist also engund reglementiert und politisch korrekt. Nur durch die inhaltliche Entwertungder Symbole funktioniert das Miteinander. Nie war unsere Sprache sauberer. Vorsichtiger.Nervöser.

 

Fertig Biopolitik. Heute istPsychopolitik. Unsere Schritte, Gefühle und Gedanken werden verzeichnet undregistriert, daraus entsteht ein neues, unsichtbares Datenkapital, das in keineder alten materiellen Bilanzen einfliesst, und ganz nebenbei eine neue, diematerielle Welt schluckende Struktur füttert.

 

Die totale Partizipation ist einMittel zum Zweck. Transparenz soll dazu beitragen, dass dieses unsichtbareKapital ungestört fliesst, und diese grosse, sich immer weiter vernetzendeMaschine, die als Infrastruktur dieses Wirtschaftsmodells funktioniert, die derTechnologe Benjamin Bratton „Black Stack“ nennt, Störfaktoren unterwegseliminieren kann. Das totale Netzwerk ist ein hochnervöses System, wir müssenzart sein in ihm.

 

Während wir gelernt haben mit demNullzins zu leben, merken wir nicht, dass das Medium, in dem wir mittlerweileleben, auch eines ist, das auf Wachstum hinaus will. Das Netz ist nichtstatisch. Der Gegner der Nullzins-Gesellschaft ist Bewegung an sich. Jene, diespringen.

 

Auch daher muss dieNullzins-Gesellschaft Grenzen ziehen. Die noch ungeschriebenen neuenLebensläufe der Neulinge an Europas Küsten, ihre Unberechenbarkeiten,erscheinen ihr als die eigentliche Bedrohung.

Angst kursiert im Volk vor jenen,deren Daten nicht registriert sind.

 

Daher baut Europa ganz offiziellZäune: um die biometrische Erfassung sicherzustellen. Genauso wie man inBrüssel Kartellprozesse anstrengt, um die totale Disruption, dieEntwicklungssprünge zu verhindern, die sich die Unternehmer aus dem SiliconValley so herbeisehnen. Die meditierenden Massen wollen nicht disruptet werden, vor allem nicht vonjenen Dummköpfen, die die technologische Fortentwicklung einfach fortsetzen,als würde es die permanente Krise gar nicht geben.

 

Das ist ein Konflikt, der genausoinnerhalb der USA existiert, wo das VentureCapital gegen das alte Kapital kämpft. Die einen verdienen an der Erhaltungdes Systems, während die anderen von dessen Zerstörung profitieren wollen.

 

Diese Konfliktlinie hat auch diealte, moralisierende Trennung zwischen Links und Rechts aufgelöst. Völlig neueAllianzen haben sich gebildet, wie man an den neuen Koalitionen in Deutschlandgenauso sehen kann wie an den nationalistischen Gedanken des angeblich linkenPräsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und milliardenschweren Revoluzzernwie Berlusconi, Trump und Blocher. Vorderhand scheint es scheint sich um einenKonflikt zwischen Progressiven und Konservativen zu drehen, doch die Belegungdieser Begriffe hat sich gewendet.

 

Der Staat als Status ist in Auflösungund die Gegner des Status Quo, aufstrebende Populisten in fast allen westlichenStaaten, können sich als progressiv bezeichnen, da sie gegen die Stasis desSystems antreten. Sie nutzen die Expansionskraft des Netzes und begreifen sieterritorial.

 

Während die Nullzins-Gesellschaft dasNetz nach innen gewendet hat, wenden die Springer das Netz nach aussen. Soentsteht ihnen ein Morgen und es bemisst sich an ihrer Landnahme.

 

Trump erobert unter dem Jubel seinerBewunderer Staat nach Staat, Russland setzt seinen Cyberkrieg in eine angeblichautonome Krim-Republik um. Die rechten EU-Gegner vernetzen sich europaweit imKampf gegen ihre Gegner, die den europäischen Zusammenhalt wollen, und bildendie geschlossenste Fraktion im EU-Parlament. Daher nennt sich die NetzbewegungISIS „Staat“ und versucht im Gegensatz zu ideologisch ähnlich argumentierenden,aber ortlosen Al-Qaida, Ländereien zu besetzen.

 

Denn Ausweitung, das ist Pop. Daherkönnen sich reaktionäre Mittelalter-Ideologen als progressiv vermarkten. Siesind es im physischen Sinne.

 

Wie sehr genau diese Bewegungen dieBewegungslosigkeit der Nullzinsgesellschaft brauchen, zeigte sich am klarsten,als die ISIS in Syrien Altertümer sprengten, um sich durch den Verkauf derÜberreste an die Archivgesellschaft zu finanzieren.  

 

So zeigt sich, dass die eigentlicheGefahr nicht im Abwärts liegt, im Negativzins, denn ein Abwärts liesse sichirgendwie managen, wie ein Aufwärts sich verwalten lässt.

 

Nullzins und Inferno sind ein Duo.Die Gefahr droht aus jener Stasis, die eigentlich eine absolute Beschleunigungist, denn im Netz ist alles immer überall gleichzeitig. UnsereEntscheidungsgrundlagen haben sich so beschleunigt und verdichtet, das Denken istdabei zum Fühlen zu werden. Wir können nur noch spüren, dass wir aus dem Systemaustreten. Aber wir sehen nicht, wohin wir gehen.

 

Das prophetische Auge des Kapitalsist erblindet. Seine unsichtbare Hand weiss nicht mehr, wohin sie greifen soll.Der Zins fehlt um die Hand zu lenken.

Die Krise hat eine neue Krisegeboren.

 

Die Vertreter der Finanzwelt fühlensich in der Verantwortung, das System an sich am Leben zu erhalten. In einemkürzlich veröffentlichten Brief an seine Anleger schreibt der stille Herrscherder Wall Street, Laurence Fink, der Chairman des Boards von Blackrock, dergrössten Vermögensverwaltung der Welt, dass das Kapital sich in einerfeindlichen Umgebung befinde. Vor einem Hintergrund einbrechendenWirtschaftswachstums, der technologischen Disruption und geopolitischerInstabilität besorgen ihn am meisten die Zinsschritte der Nationalbanken.Sparer, also jene, die noch auf das Morgen hofften, verlören, und Investorenwürden immer riskantere Anlagen treffen. Die Unternehmen würden zunehmend demDruck der Kurzfristigkeit erliegen, statt langfristig etwas aufzubauen.

 

Das Kapital ist wild geworden. Es istauf der Flucht und sucht weltweit Sicherheit. In den Nullzinsländern wird Grundund Boden leergekauft, als wären die Heuschrecken eingefallen. Nicht einmalmehr Gold gilt als sicher, so unerkannt fühlen sich diese Zeiten an. Jene, dieGeld haben, sind bereit, dieses Geld gegen die abstrusesten Anlagegüter zutauschen. Daher blüht der Kunstmarkt für Werke unbekannter Neulinge weiter, auchwenn niemand weiss, was deren Arbeiten wirklich wert sind. Die Wertmassstäbehaben ihren Wert verloren, das ist die Krise der Autorität.

 

Es gibt Investoren, die legen ihrGeld in Legopackungen oder japanischem Whiskey an. Daher jagen die Investorenim Silicon Valley Einhörner, Start-Ups, die, wie das Traumwelten versprechendeOculus Rift, Milliarden wert sind, obwohl sie noch keine Produkte haben. Estrifft sogar Zentralbanken. Daher kaufen Menschen Digitalwährungen, die nichtsals ein paar Codezeilen entsprechen.

 

Gleichzeitig löst sich dieMaterialität der Zukunft auf. Wem werden die Enteigneten ihre Stimme geben,wenn ihre Absicherungssysteme gegangen sind? Wenn alles für nichts war? Und wirkommen da nicht einfach hinaus, warnen die Banken. Wie sollen all dieKreditnehmer, die gerade die Zukunft verprassen oder in Immobilien –Unbewegliches – geflohen sind, nur ihre Raten zahlen, wenn plötzlich wieder einZins entstünde?

 

Auf unseren Geldscheinen sieht manFelder, Maschinen und Menschen. All das bekommt man für Geld. Für all das stehtdas Geld. Arbeit, Kapital und Kreativität. Das, was man auf dem Geld sieht, dasist, was mit dem Geld wachsen muss. Wenn das Geld also keine Zukunft mehrversprechen kann, können diese Dinge es auch nicht mehr, das ist die Bedrohungdes Nullzinses.

 

Der Wellness-Zins wird zum No-Future-Zins.Vielleicht war es die Wucht des wildgewordenen Kapitals, das die ISIS aufdie Idee brachte, Palmyra in die Luft zu sprengen. Um nachher die Scherben zuverkaufen. Die alte Welt wird zertrümmert und verscherbelt.

 

Vielleicht trägt dieselbe Wucht unsbald auf den Mars, wo SpaceX-Gründer

Elon Musk plant, einen Backup derMenschheit zu erstellen.

Just in Case.

 

Teil2: Hundert  Jahre Krieg

 

Im Jahr 1490 ist eine neueTechnologie, knapp 40 Jahre zuvor entwickelt, dabei, sich rasant auszubreitenund den jahrhundertealten Stillstand aufzubrechen.

 

Der Buchdruck senkt die KostenInformationen zu erhalten massiv, zudem erhöht er die Umlaufgeschwindigkeit vonInformationen drastisch. Immer mehr Leute erhalten immer leichterInformationen.

 

Die noch druckfrischen Flugblätterverbreiten sich „in Windeseile“. Europa wird eins und für kurze Zeit hat esauch ein Gewissen, Erasmus von Rotterdam. Gleichzeitig werden allerorten neueTerritorien erschlossen, neue Kontinente, neue Welten. Die Menschheit istdabei, sich neu zu erfinden. Die Renaissance. Ein neues Menschenbild entsteht,der Humanismus. Die Menschheit beginnt zu träumen. Im Jahr 1516 schreibt derEngländer Thomas Morus Utopia und erfindet die bessere Zeit als einen Ort inder Welt.

 

Kurz darauf beginnt in einemabgelegenen deutschen Städtchen namens Wittenberg ein wütender Theologe denQuellcode der Gesellschaft umzuschreiben. Jenes Schriftwerk, das festlegt, wasfalsch und was richtig ist: die Bibel. Bald ist es das meistverkaufte Buch seinerZeit, sie verhilft dem Buchdruck zum Durchbruch. Die gedruckte Bibel ist dieKiller-App des neuen Mediums.

 

Menschen entscheiden sich auf derBasis der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen. Ändert sich ihreInformationsbasis, wird sich auch ihr Handeln verändern. Und dank dem Druckstehen die neuen Ideen jetzt allerorts bereit.

Luther zerbricht die Ordnung derWelt.

 

Vor ihm gab es eine einzigeUnternehmung, die katholische Kirche, die das Monopol besass, aus dem Quellcodedie Applications zu schreiben, die Anwendungen, die das Verhalten der Menschenregulieren.

 

Durch Luther kommt die katholischeKirche in massive Konkurrenz. Zwei inkompatible Systeme stehen nun imWettkampf. Luthers deutschsprachiges Betriebssystem ist offen, die katholischeKirche ist ein zentralisiertes Betriebssystem. Beide versprechen den Nutzernexklusiven Zugang zum Paradies.

 

Was folgt, ist ein totales Aufbrechenund eine Neuorganisation der europäischen Gesellschaft. Eine gewaltigeDisruption erfasst die westliche Welt in den kommenden hundert Jahren, zuerstlangsam, dann immer schneller, bis sie zum Krieg wird, kein totaler Krieg,sondern ein permanenter Ausnahmezustand, der immer wieder ausbricht, lokal undglobal. Eine Reihe paralleler Konflikte, die sich so verdichten, dass sie einswerden – Layer des 30-jährigen Krieges, den viele kommen sahen, aber niemandverhindern konnte.

 

Ein Krieg, der die Grenze zwischenSoldat und Zivilist neu zog.

Ein Krieg der Freelancer, der Armeenvon Disruptionsverlierern, die ihre Loyalitäten vermieteten. Menschen, dienichts mehr zu verlieren hatten und auf der Grenze zwischen zwei Welten liefen.Die eine noch nicht greifbar, die andere schon nicht mehr zu halten.

 

Wenn die Hoffnungen gross sind unddie Gegenwart ungreifbar, dann geht oft vergessen, dass zwischen dem Heute unddem Paradies ein Wegstück liegt.

Dieser Weg aber ist die unmittelbareZukunft.

Das echte Morgen.

 

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